Spiegelneuronen beim Baby – So kommunizieren Babys

Spiegelneuronen

Die geistige und soziale Entwicklung wird durch Spiegelneuronen bei jedem Baby stark gefördert. Seit den 1990er-Jahren weiß die Hirnforschung jedoch erst mit Sicherheit, dass der Mensch über diese besondere Neuronengruppe überhaupt verfügt und ihre Veranlagung bereits im Mutterleib entsteht. Was die kleinen Nervenzellen können, wer sie entdeckt hat und warum ein liebevoller Umgang mit Deinem Kind für dessen Spiegelneuronen so wichtig ist, jetzt hier lesen:

Spiegelneuronen beim Baby
Funktionsweise der Spiegelneuronen beim Baby, Copyright: K_E_N bigstockphoto

Funktionsweise der Spiegelneuronen beim Baby

  • erstmals nachgewiesen(1) wurden Spiegelneuronen 1992 von dem Italiener Giacomo Rizzolatti
  • Spiegelneuronen ermöglichen es, Handlungen beim Sehen nachahmen zu können
  • auch Emotionen andere Menschen können dank ihnen nachgefühlt werden (Stichwort Empathie)
  • ohne Fürsorge können Spiegelneuronen bei Babys und Kleinkindern verkümmern
  • manche angeborenen Krankheiten gehen vermutlich auf einen Mangel an Spiegelneuronen zurück

Sie leisten zwei Dinge. Sie lassen Babys Gesehenes und Gehörtes auf besondere Weise verarbeiten. Das bedeutet im Detail:

Spiegelneuronen
So kommuniziert das Baby mit der Mutter Copyright: Milkos bigstockphoto

1. Bei visuellen Reizen

Spiegelneuronen bilden eine besondere Gruppe von Nervenzellen im Gehirn aller Primaten und daher auch beim Menschen. Es handelt sich um Nerven, die Gesehenes so verarbeiten als hätte das Baby dies selbst getan. Daher drückt der Name Spiegelneuronen aus, dass eine Handlung geistig imitiert, also gespiegelt, wird. So lernt Dein Baby von klein auf, wie es die Mimik der Eltern nachahmt und wie Laufen oder Sitzen aussieht. Sobald seine Muskeln diese Motorik leisten können, greift es auf dieses Wissen zurück.

2. Bei akustischen Reizen

Spiegelneuronen beim Baby werden aber nicht nur bei visuellen Reizen aktiv, sondern auch bei Geräuschen. Gehörte Melodien werden geistig wiederholt und mitgesungen/mitgesprochen. Das ist ein essentieller Faktor für das spätere Erlernen der Muttersprache. Viele Kleinkinder verstehen Wörter und komplette Sätze sehr viel früher als sie diese selbst sprechen können. Ihr Sprachzentrum wird dank der Spiegelneuronen von Beginn an intensiv trainiert.

Giacomo Rizzolatti – der Entdecker unserer Empathie

Vielleicht kennst Du den Spruch „Monkey see monkey do“ mit einem negativen Touch. In einem eher abfälligen Tonfall ist dann gemeint, dass jemand etwas einfach nachmacht, ohne darüber nachzudenken.

In seinem Ursprung ist der Satz aus dem 18. Jahrhundert aber eine wissenschaftliche Beobachtung: Ein Lebewesen erkennt die Handlungen eines Artgenossen und kann diese nachahmen.

„Ein Baby lernt durch Nachahmung. Genau diesem Prinzip folgen Babys, wenn sie das Gesicht der Eltern sehen und Dinge wie das Herausstrecken der Zunge nachmachen. Das geht nur dank der Spiegelneuronen beim Baby.“

Heute weiß man dank des Forschers Giacomo Rizzolatti, das dieser alte Spruch auf neurologischer Ebene stimmt. Der Wissenschaftler konnte in den 1990ern zeigen, dass ein Primat auf die Empfindungen der Artgenossen reagiert. Dafür ließ er einen Makaken durch eine Glasscheibe sehen, wie ein anderer eine Nuss bekam und fraß. Die Messung der Hirnaktivitäten beider Affen zeigte, dass die gleichen Prozesse im Kopf ablaufen, egal, ob die Nuss wirklich gefunden und verspeist oder das Finden und Fressen nur beobachtet wird.

Das lässt noch eine weitere Schlussfolgerung zu: Dank Spiegelneuronen kann ein Baby nicht nur Handlungen beim Zuschauen verstehen, sondern auch Gefühlsausdrücke des Gegenübers nachempfinden. Die kleinen Nervenzellen sind somit die Grundlage des Mitfühlens, unserer Empathie.

Auch für die Entwicklung im Kleinkindalter entscheidend

Spiegelneuronen sind vermutlich bereits vor der Geburt aktiv und erlauben dem Ungeborenen, die Stimme der Mutter zu hören und als lebenswichtiges Muster (für Sicherheit) abzuspeichern. In den ersten Tagen nach der Geburt erlauben die Spiegelneuronen dem Baby Dinge wie das Öffnen des Mundes, wenn die Mutter dies vormacht. So kann es blitzschnell lernen, den Mund für die Brust zu öffnen.

Auch später noch sind die Spiegelneuronen entscheidend, etwa beim häufigen Hinfallen während der ersten Laufversuche. Wirken Eltern sofort besorgt oder rufen Dinge wie „Oh“ und „Aua“, wird das Kind dies übernehmen. Du kannst das gut daran beobachten, dass Kinder in neuen Situationen sofort Blickkontakt zu einer Bezugsperson suchen, um abzugleichen, welches Verhalten angemessen ist. Auch hier arbeiten die Spiegelneuronen auf Hochtouren.

Ohne Bezugsperson verkümmern die Spiegelneuronen

Das Gehirn ist ähnlich wie Muskelgruppen, denn ohne regelmäßiges Training verkümmern die Bereiche, die ungenutzt sind. Spiegelneuronen können beim Baby nur dann ihre Funktion erfüllen, wenn sie gefördert werden und daher ist die liebevolle Interaktion so wichtig.

Lachen und spielen Eltern viel mit dem Baby, lernt es diese Gefühle zu empfinden und zu spiegeln. Ebenso kann es einen traurigen Gesichtsausdruck bald verstehen und viele Kinder versuchen spätestens mit drei oder vier Jahren einen traurigen Papa oder eine traurige Mama zu trösten.

Fehlt hingegen der enge Kontakt, verliert sich mit der Zeit die Arbeit der Spiegelneuronen. Kinder aus schwierigen Verhältnissen sind nicht zuletzt deswegen in sozialen Interaktionen oft auffällig. Sie haben nie gelernt oder es verlernt, sich empathisch in andere zu versetzen.

Störungen der Spiegelneuronen und Autismus-Spektrum-Störungen

Neben den Fällen, bei denen die Spiegelneuronen beim Baby aufgrund mangelnder Fürsorge verkümmern, gibt es auch Kinder, die mit nur schwach funktionierenden Spiegelneuronen geboren werden. Forscher sind inzwischen davon überzeugt, dass die angeborenen Autismus-Spektrum-Störungen auf diesem Umstand beruhen.

Zu den Störungen gehören Formen wie der frühkindliche Autismus und das Asperger-Syndrom.

Forscher sind inzwischen davon überzeugt, dass bereits im Mutterleib, unterentwickelte oder fehlende Spiegelneuronen später dazu führen, dass die betroffenen Kinder kaum Verständnis für ihre soziale Umwelt haben und sich aus Unsicherheit in sich zurückziehen.

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► Prüfung und Aktualisierung am von Jessica Kilonzo, Kinderärztin